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Hamburg - Freitag, den 30. Juli 2010 |
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Restaurant NAGEL Bodega - Bierstube
Öffnungszeiten: So-Do: 10 - 1 Uhr
Warme Küche: So-Do: 10 - 0 Uhr
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Herrlich: Niemand verbietet einem das MaulDer Wirt hatte es eilig. Er kippte den Hocker um. Der Gast mit doppelter Schlagseite plumpste zu Boden. Dann zog er ihn an seinen Beinen rückwärts auf den Bürgersteig. Dort landete er im Rinnstein. Derart mitleidlos wurden im letzten Jahrhundert Schnapsleichen entsorgt. Geschehen 1916 in der Kirchenallee, nach der Eröffnug der BODEGA NAGEL. In der ära Kaiser Wilhelms II. gehörte Trunkenheit zum Alltag. Die Zeiten waren halt rauh, es herrschte Untertanengeist. Selbst der Reichsbahn-Kontrolleur von damals verfügte über mehr Autorität als sein Kollege von der Steuerfahndung heute. Der "kleine Mann" hatte Respekt vor dem Beamtentum und - vor gestandenen Kneipiers.
Was die da heranschleppten, ist bei keinem Arzt, in keiner Apotheke zu haben: Bier und Korn. Trotzdem geht es allen gut, einmal von notorischen Suppköppen abgesehen. Seit Jahrhunderten gilt die Kneipe als Stätte der Genesung. Ihr Sinn liegt aber nicht im hirnlosen Betrinken, sondern Tavernen beseitigen die Vereinsamung, vor allem bringen sie Sprachlose wieder zum Sprechen. Sich tüchtig ausquatschen zu können - das ist das Prinzip dieses schönen Gruppenlebens, denn Schänken sorgen für menschliche Wärme, für gegenseitige Anerkennung. Das Wunderbarste freilich ist: Niemand verbietet einem das Maul. Nagel ist Hamburg. Seit 88 Jahren. Wie der um elf Jahre ältere Hauptbahnhof. Beide ergänzen sich prächitg, zumal sie auf historischen Boden stehen: auf dem des Alten Stadtwalls und - auf dem 1589 angelegten Friedhof "Vor dem Steintor", ohne Mitspracherecht der Dahingeschiedenen. Luzifer wird´s gefallen haben. "Meine müde Leber möge mir vergeben", notierte ein dichtender NAGEL-Stammgast nach einer durchzechten Nacht. Ähnlich wird es Hans Albers ergangen sein, der 1891 um die Ecke (Lange Reihe 71) zur Welt kam, und nach seinen Auftritten im Altonaer Schiller-Theater, in der Flora oder dem Thalia Theater regelmäßig das NAGEL heimsuchte, um sich - volllaufen zu lassen.
Als die volksschauspielende Legende 1960 starb, addierte der damalige NAGEL-Prinzipal jene Zettel, die ihm Albers - als paraphierte Schuldscheine - hinterlassen hat: über 1.500 Mark. Seinerzeit unglaublich viel Geld für unglaublich viele Schnäpse. Albers war ein Geizhals. Er schluckte stets für sich. Bei 45 Pfennig pro Korn bedeutete dies immerhin 3.333 Gläschen. Heute wird überwiegend bar bezahlt. Aus gutem Grund. Der Hauptbahnhof schleust annähernd eine halbe Million Menschen durch. Täglich. Sie purzeln aus tausend S-Bahn- und aus 780 Fern- wie Nahzügen. Was tun, wenn Mehdorns Lotter-Bahn wieder einmal schauervolle Verspätung hat? Wenn die Schwiegermutter auf sich warten läßt, sich die Sehnsucht nach der anrollenden Freundin ins Unermeßliche steigert, der Umsteiger gerade erst Hannover passiert hat? Etwa die Zeit im teuren Wandelhallen-"Gourmet"-Center totschlagen? Wenn´s da nicht zieht, ist´s dort unangenehm wie in der Karibik vor enem Tropengewitter: schwül. Also ab ins NAGEL, die einzige Alternative zur Deutschen Chaos-Bahn. Zwei dänische Touristen haben Mehdorns Geisterwaggons bereits die Rote Karte gezeigt: "Drei Besuche bei NAGEL- eine tolle Trefferquote." So denken auch immer mehr Hamburger. Nach manchem Absurd-Theater im Schauspielhaus spülen die ihren Frust hinunter. Und wo ist das am schönsten? Im NAGEL. - Wo sonst.
Erschienen in: Bohnhoff Gastronomie, 2004
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